Ich habe mich letztens auf LinkedIn mit Stephan Scharff zum Thema Bolts ausgetauscht. Die Überschrift war „Scrum ist ein Bremsblock“. Reißerische Überschrift und verwende ich auch gern, vor allem wenn ich in Konzernen kommuniziere, um etwas wachzurütteln.
Viel interessanter finde ich die Diskussion über seine These.
Die Iterationen im Scrum (Sprints) seien eine Antwort auf eine Welt in der Menschen planen, schätzen und koordinieren müssen und damit nicht mehr zeitgemäß.
Auch das Verwenden von Story Points sei nicht mehr zeitgemäß. Story Points verwenden wir um relative Komplexität vergleichbar zu machen. Also der Flug zum Mond ist wahrscheinlich komplexer als die Fahrt nach Berlin. Selbst mit dem Zug.
Stephans Aussage ist nun, dass in Zeiten von KI, in der Konzeptionen und Code-Generierung nur noch Stunden dauern, feste Zyklen eher ein Bremsblock sind.
Da habe ich eine andere Meinung zu. Zum einen hält uns niemand davon ab einen Scrum Zyklus auf einen Tag oder 2 Stunden festzulegen. Dies hatte die DKB vor ein paar Jahren auch einmal spektakulär vorgemacht. Zum anderen steht auch schon im Scrum Expansion Pack, dass in Zeiten von KI der Mensch führend bleiben muss. Auch hier glaube ich nicht, dass sich das mit fortschreitenden Fähigkeiten überall aufrechterhalten lässt.
Stephan Scharffs nun recht clevere Lösung sind Bolts.

Ein Bolt ist der Zeitrahmen, um eine konkrete Einheit eines Vorhabens umzusetzen.
Ein Bolt ist also die Abarbeitung eines konkreten Features oder einer Story. Damit sind Bolts dynamischer als ein Sprint und können auch parallel laufen.
Beides trifft auch schon auf die Abarbeitung einer Story in einem Sprint zu.
Was an einem Bolt jetzt anders zu sein scheint, ist, dass auch das Rahmenwerk darin passiert. Also Anlyse, Konzeption, Planung, Umsetzung und Review.
Und auch hier gebe ich ihm Recht, das kann man wunderbar über mehrere KI-Agenten lösen. Oder gar einem reinen OpenClaw. Dann auch mit Agenten, die CodeReview und Testing übernehmen.
Das sind technische Details. Unsere Diskussion drehte sich ja um den Titel, ob Scrum der Bremsblock sei, da es vermeintlich nicht mit der Geschwindigkeit der KI-Agenten mitkommt.
Das bestätige ich zum Teil und sehe es gleichzeitig ganz anders.
Meiner Meinung nach sind wir noch nicht so weit den Menschen hier aus der Verantwortung oder aus dem Loop zu nehmen. Gleichzeitig schließe ich jetzt von mir auf andere. Mit Kleinkind ist es mir schlicht nicht möglich nachts gegen 2 die Ergebnisse meiner KI entgegenzunehmen, nur weil sie jetzt fertig ist. Ähnlich sieht es mit meinem Terminkalender aus. Und dieser ist jetzt deutlich ordentlicher nach meiner Konzernzeit.
Auch würde mich interessieren, wann die KI denn so grob fertig sein würde mit der Aufgabe. Einfach um Erwartungsmanagement zu betreiben. Mich interessiert eher weniger, ob die Website 10Uhr oder erst 17Uhr fertig ist. Mehr interessiert mich, ob die Website zum Meilenstein fertig sein wird oder in welchem Monat. Auch ob ich die Pakete größer machen müsste oder kleiner. Hierfür liefert Scrum exzellente Werkzeuge und in meinem Kalender auch regelmäßige Termine für Empirie (Transparenz, Inspect & Adapt)
Ich sehe den Bremsklotz also nicht.
Ich habe Dich jetzt auf diese lange Gedankenreise mitgenommen, um deutlich zu machen, dass Stephan und ich uns hier über das falsche Thema unterhalten haben.
Das passiert selbst mir im Alltag auch heute manchmal noch. Das ist auch der Grund, weshalb wir in unseren Ausbildungen wie TeamworksPLUS oder Agile Master die Metaebene und mehr Werkzeuge zum Umgang mit Themen benutzen. Stephan scheint ein konkretes Problem mit einem Framework gehabt zu haben und hat dies für sein Team gelöst. Egal ob das Team jetzt aus KI-Agenten oder einer anderen Kombination mit Menschen besteht. Darum geht es auch in unserer Arbeit und dazu halte ich jeden an:
Woran merkst Du, dass das Problem gelöst ist?
Zu dieser Antwort finde ich Messkriterien, bilde Hypothesen und führe Experimente durch.
- Verbessern sie die Messkriterien, dann go for it!
- Werden die Messergebnisse schlechter, dann prüf noch einmal nach.
Die Frage ist also nicht ob Scrum ein Bremsblock ist, sondern:
- Habe ich aktuell ein Problem?
- Sind Bolts dafür ein mögliches Experiment?
Hier ein weiteres Thema, auf das ich aufmerksam machen möchte: Nur weil etwas Neu ist und sich gut anhört, muss es nicht auch die Lösung für Dein Team sein. Wahrscheinlich hat Dein Team aktuell gar nicht dieses Problem. Dann ändere auch nichts. Es ist unnötig schwer Teams und Organisationen zu verändern, wenn es kein Bewusstsein für das Warum gibt.
Wir müssen nicht in Systeme eingreifen die bereits funktionieren.
Die Frage ist also nicht: Sind Bolts gut oder schlecht?
Sondern: Kann ich einen Schritt zurück gehen, mir das große Ganze anschauen und überprüfen ob es hier Ineffizienzen gibt, die so stark sind, dass Bolts das nächste Experiment sein könnten?
In meinem Fall habe ich gerade kein Team in Begleitung in dem ich die regelmäßigen Iterationen aufgeben würde. Auch schon, weil es meinen Kopf enorm entlastet zu wissen, dass alle 4 Wochen die Retrospektive zur selben Zeit ansteht.
Ich hoffe Dir hat meine Gedankenreise gefallen und es war hoffentlich auch ein Aha-Moment oder eine Erinnerung für Dich dabei.